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TU Berlin

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Was wird aus den Erdgasautos?

Samstag, 01. November 1997

Erdgas-Autos werden seit einigen Jahren als umweltfreundliche Alternative zum benzinschluckenden Kraftfahrzeug eingesetzt. Das Gasversorgungsunternehmen Gasag in Berlin beispielsweise wirbt mit dem Motto "Gasag macht Erdgas mobil" und unterhält 19 eigene erdgasbetriebene Fahrzeuge. Bei der Berliner Stadtreinigung fahren drei Müllfahrzeuge und bei den Berliner Verkehrsbetrieben zehn BVG-Busse auf Erdgas. Aber damit ist bald Schluß: Die BVG will ihre Fahrzeuge zum Jahresende wieder abgeben, weil sie zu teuer sind. Auch der Stadtreinigung werden die Spezialfahrzeuge zu kostspielig: Rund ein Fünftel mehr Kosten als bei den herkömmlichen Lkws hat die BSR errechnet. Sind Erdgasfahrzeuge out? Oder ist die Zeit noch nicht reif für sie?

Fachmann für solche Fragen ist Hermann Appel, TU-Professor für das Fachgebiet Kraftfahrzeuge und Geschäftsführer der Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr (IAV), einem An-Institut der TU Berlin. Die IAV ist der größte Umrüster für Erdgasfahrzeuge in Deutschland und machte im letzten Jahr über 400 Pkw und Transporter erdgastauglich.

TU intern sprach mit Hermann Appel über die Bedeutung und die Zukunftschancen der Erdgasautos.

Was sind die Vorteile von Erdgasfahrzeugen gegenüber herkömmlichen Autos?

Der große Vorteil sind die geringeren Emissionen: kein Ruß, kein Schwefeldioxid und wenig Stickoxide. Außerdem stoßen Erdgasmotoren 50 Prozent weniger Kohlenmonoxid und 20 Prozent weniger Kohlendioxid aus als Benzinmotoren. Es entstehen außerdem weniger ozonbildende Kohlenwasserstoffverbindungen. Und schließlich läuft ein Erdgasmotor leiser als ein Benzinmotor.

Wieviel kostet ein Erdgasfahrzeug im Vergleich zu einem herkömmlichen Auto?

Da es heute nur sehr wenig Erdgastankstellen gibt, werden Erdgasfahrzeuge üblicherweise "bivalent" ausgelegt, das heißt, sie können sowohl auf Erdgas als auch auf Benzin fahren. Eine entsprechende Umrüstung mit neuen Zusatzgeräten und einem Drucktank für das Erdgas kostet bei Pkw ungefähr 10000 DM, bei Lkw und Bussen ungefähr 40000 DM. Der Kraftstoff ist wegen einer Únderung der Besteuerung seit 1996 deutlich billiger geworden, so daß die Verbrauchskosten heute unter den Kosten eines Benzinfahrzeugs liegen. Bei Fahrzeugen, die jährlich 20000 Kilometer und mehr gefahren werden, ist das Geld nach fünf bis sechs Jahren wieder hereingeholt.

Abgesehen von den höheren Anschaffungskosten: Was sind die größten Nachteile von Erdgasfahrzeugen?

Die Reichweite mit einer Tankfüllung beträgt nur 200 bis 250 Kilometer. Hinzu kommt eine geringere Zuladung und weniger Platz wegen der zwei Tanks für Benzin und Erdgas. Ein erheblicher Nachteil ist heute die lückenhafte Versorgung mit Erdgastankstellen; in Berlin sind es beispielsweise gerade mal zwei. Ein weiteres großes Problem ist die Kostenunsicherheit, denn die geringere Besteuerung für Erdgas gilt zunächst nur bis ins Jahr 2001. Ob Erdgas danach immer noch günstiger sein wird als Benzin, kann man heute nicht sagen.

In Berlin gibt es zwischen 30 und 40 Erdgasfahrzeuge. Bundesweit fahren rund 2000 über die Straßen, darunter nur sehr wenig private Nutzer. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

In Italien gibt es ungefähr 300000 Erdgasfahrzeuge, darunter viele Pkw. In den GUS-Staaten sind es ebenfalls um 300000 Fahrzeuge, hauptsächlich Busse. Der Grund für diese Verbreitung ist, daß in diesen Ländern Erdgastreibstoff günstiger ist.

Wie schätzen Sie die Zukunft von Erdgasfahrzeugen ein?

Ich denke, Erdgasfahrzeuge haben auf lange Sicht gute Zukunftschancen. Nach dem Erdölzeitalter wird eine Zeit lang Erdgas als Energieversorger dominierend sein, bis andere Stoffe die Energieversorgung übernehmen werden. Gegenüber allen anderen alternativen Antriebsenergien Elektroenergie, Brennstoffzelle, Bio-Diesel, Methanol, Ethanol - wäre Erdgas mit dem geringsten Aufwand und am kostengünstigsten einzuführen. Eine breite Einführung halte ich allerdings erst in 20 bis 30 Jahren für realistisch. Nischenmärkte haben aber heute schon eine Chance, zum Beispiel Firmen und Behörden, die damit für sich werben oder den Umweltgedanken fördern wollen. Oder Städte und Kurgemeinden, die Verkehrslärm und Abgase in ihren Innenstädten reduzieren. Ein bedeutender Aufschwung für Erdgasfahrzeuge ist derzeit aber nicht zu erwarten.

Was müßte geschehen, damit sich schon heute Erdgasfahrzeuge mehr durchsetzen?

Die Steuervorteile, die bisher zeitlich befristet sind, müssen auf lange Sicht festgeschrieben werden, um das Kostenrisiko zu vermeiden. Und das Tankstellennetz muß sehr viel dichter werden. Aber die öffentliche Hand, die in Berlin in Vorleistung gehen wollte, verhält sich jetzt sehr zurückhaltend. Nach einer ersten Euphorie ist Ernüchterung eingetreten, und die Kosten wiegen stärker als langfristige Gedanken.

Quelle: TU intern, November 1997

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